ute engelke und laura schildmann nach konzertIm Oktober 2021 wurde von der Kirchenmusik zur letzten musikalischen Veranstaltung im Format einer geistlichen Abendmusik in die Unterkirche Bad Frankenhausen eingeladen. Das Kirchenjahr endet – anders als im weltlichen Bereich – mit dem Ewigkeits- / Totensonntag.

Kantorin Schildmann gewann die Sopranistin Ute Engelke, die schon mehrmals zu verschiedenen Gelegenheiten ihr Können in der Unterkirche bewies. Als studierte Kirchenmusikerin hat Ute Engelke noch den Abschluss im Fach „Barockgesang“.
Entsprechend der vielfältigen Registriermöglichkeiten der großen Strobel-Orgel stellten die beiden Musikerinnen ein anspruchsvolles Programm zusammen. Als „Einstieg“ erklang eine Arie aus Händels Oratorium „Der Messias“, danach folgten von Mendelssohn Bartholdy (1809 – 1847): „ Hör mein Bitten“, „Sei stille dem Herrn“ und „Meine Seele dürstet nach Gott“.
Vom gleichen Komponisten spielte Kantorin Schildmann eine Orgelsonate – als „Entlastung“ für die Sopranistin. Auch Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) lieferte zwei Lieder: „Gib dich zufrieden“ und „Gott lebet noch“.
Von Heinrich Schütz (1585 – 1672) hörten die Zuhörenden „O misericordissime Jesu“.

Als geistlichen Impuls wählte Pfarrerin Nadine Greifenstein aus dem Alten Testament einen Vers aus dem Buch Rut: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen…“

Zum Abschluss erklang von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) „Tu virginum corona – Alleluja“ aus der Messe „Exsultate jubilate“. Dieses Werk erklang in seiner Gesamtheit schon vor Jahren in der Unterkirche – mancher wird sich erinnert und erfreut haben!

Kantorin Schildmann lieferte eine einfühlsame Begleitung. Die wunderbare klare Sopranstimme kam so sehr gut zur Geltung. Es war ein ausgeglichener Balanceakt zwischen Orgelbegleitung und Gesang. Die Konzertbesucher danken mit viel Beifall.

orgelsachverstndige der ekm an der orgelWer im Berufsleben steht, hat häufig mit Sachverständigen zutun, die in Kommunen, öffentlichen Einrichtungen oder Betrieben bestimmte Prüfungsaufgaben wahrnehmen. Dabei sind neben den internen (also „betriebseigenen“) besonders die externen Sachverständigen nicht immer Willkommen, ist doch von ihnen auch „unerfreuliches“ zu erwarten.
Auch im kirchlichen Bereich gibt es für die verschiedensten Bereiche solche Prüfer. Für die Orgeln sind es die Orgelsachverständigen, die es auf Kirchenkreis-, Regional- und Landesebene gibt.
Kürzlich lud Christoph Zimmermann als Orgelsachverständiger der EKM (Evangelische Kirche Mitteldeutschlands) die Regional-Orgelsachverständige des Bereichs Thüringen zur Herbsttagung nach Bad Frankenhausen ein. Christoph Zimmermann hat den gesamten Sanierungsprozeß der Großen Strobel-Orgel in der Unterkirche vom Ausbau über den Wiedereinbau bis Endabnahme begleitet und kennt somit das Werk von Innen und Außen. Die Regionalsachverständigen erhielten somit einen exzellenten Einblick in die größte romantische Orgel Mitteldeutschlands eines Thüringer Orgelbauers. Selbstverständlich haben auch alle Teilnehmer sich an der Orgel „ausprobiert“. Somit gewannen sie einen Eindruck von den vielfältigen Spiel- und Registermöglichkeiten dieser Orgel. Es könnte ja sein, dass der eine oder andere mal Lust für ein Konzert an der Großen Strobel-Orgel in der Unterkirche in den nächsten Jahren erwägt. Im Gästebuch der Unterkirche ist zu lesen: „Zu unserer Herbsttagung konnten wir, die kirchlichen Orgelsachverständigen aus dem Bereich Thüringen, die prächtige Strobel-Orgel erleben! – Vielen Dank!“

orgelbauer sicco steendam aus haarlem an strobel orgelBekanntermaßen freut sich Kantorin Laura Schildmann grundsätzlich über Interesse für die Große Stobel-Orgel in der Unterkirche in Bad Frankenhausen – sei es von „Normalbürgern“ oder von Fachleuten.
Vor einiger Zeit erhielt Kantorin Laura Schildmann (Bad Frankenhausen) über die sozialen Medien eine Mitteilung bzw. Anfrage. Ein Orgelrestaurator möchte gerne die große Strobel-Orgel der Unterkirche kennenlernen. Da das fachlicherseits immer interessant sein könnte, nahm die Kantorin Kontakt auf. Mitte Juli war es soweit. Auf seiner Rückreise von Polen (dort war er auch in Sachen Orgelrestauration unterwegs) machte er für ein paar Stunden Station und traf sich mit Frau Schildmann in der Unterkirche. Der Orgelbauer Sicco Steendam kannte sich mit strobelschen Orgeln aus. Er rekonstruierte 2000/2001 in der „Evangelisch Lutherse Kerk“ zu Haarlem/Niederlande die dortige Orgel und die hat etwas mit dem bei uns bekannten Orgelbauer Julius Strobel zu tun.

Julius Strobel (1814 – 1884), Frankenhäuser Orgelbauer, baute auch in unserer Region zahlreiche Orgeln, z. B. in Oberröblingen, Ichstedt, Allstedt, Sangerhausen, Sondershausen, Gehofen, Uftungen, Kelbra. Doch auch in der damaligen Zeit waren „Beziehungen“ (heute sagt man „Netzwerke“) wichtig. In den Niederlanden wohnte seit 1858 sein Freund, Musiklehrer und Organist W. H. Ch. Schmölling ((stammte aus Sachsen). Obwohl zahlreiche deutsche Orgelbauer in den Niederlanden tätig waren, erhielt Strobel (er hatte schon einige Orgeln in den Niederlanden gebaut) dank der „Führsprache“ Schmöllings 1882 den Auftrag zum Neubau einer Orgel in der „Evangelisch Lutherse Kerk“ zu Haarlem, die Einweihung erfolgte am 20. August 1882.

urenkelin von julius strobel in der unterkirche

 „Es gibt Dinge, die gibt’s gar nicht!“ – wer kennt nicht diese Ansage! Das erlebte  an einem Sonntag im August 2021 die Strobel-Orgel in der Unterkirche in Bad Frankenhausen.

Dank Internet erhielt Kantorin Laura Schildmann eine Bitte bzgl. einer Orgelbesichtigung, der sie sich nicht verschließen konnte. Obwohl es ihr letzter Urlaubstag war, traf man sich in der Unterkirche. Frau Elenore Tandler (Jena), ihr Sohn und weiter Familienmitglieder hatten zuvor schon die Wirkungsstätten ihres Urgroßvaters Julius Strobel in der Stadt besichtigt und wollten nun endlich die sanierte große Strobel–Orgel kennenlernen, die einst ihr Urgroßvater und die Söhne konzipierten und erbauten. Kantorin Schildmann (seit 2010 hier im Amt) erläuterte den langen Weg von den ersten Schritten und vielen Aktionen (Orgelläufe, Spendenaktionen u.a.) bis zum Beginn der Arbeiten und der erfolgten Wiederherstellung des Orgelwerkes. Daneben galt es auch, die baulichen Gegebenheiten zu erledigen. Ohne die tatkräftige Hilfe des Vereins „Orgelfreunde der Großen Strobel – Orgel e. V.“ und die der vielen ehrenamtlichen Helfer und Unterstützer, aber auch der staatlichen Stellen wäre das Projekt nicht zu stemmen gewesen. So konnte dann am 23. Juni 2019 die festliche Einweihung der restaurierten Großen Strobel-Orgel unter großer Anteilnahme erfolgen.

Nicht immer stimmt das Sprichwort „Was lange währt wird immer gut“. Doch in diesem Fall hat es sich ganz und gar bewahrheitet. Nach 13 Jahren Vorlauf und folgenden 4 Jahren Restaurierungsarbeiten durch die Firma Hermann Eule Orgelbau Bautzen kann sich das Ergebnis sehen, vielmehr hören lassen.

kantorin schildmannvollzug wiederingebrauchnahme

Doch im Festgottesdienst zur Wiedereinweihung am 23. Juni 2019 schwieg sie zunächst. Nach der von OKR Wagner aus Erfurt vollzogenen Wiederingebrauch-nahme erklang sie zum ersten Mal. Welch ein Klang, welch eine Kraft, mit der die Orgel erstrahlte! Kantorin Laura Schildmann spielte nach dem Danklied „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ von Franz Wagner (1870-1929) das Phantasiestück „Trionfo della vita“ (Triumph des Lebens) - ein wahres Feuerwerk an Klangfarben. Die Zuhörer staunten. Eine solche Klangvielfalt auszubreiten, dazu war diese Orgel über viele Jahrzehnte nicht mehr in der Lage. Frau Schildmann spielte im Verlauf des Gottesdienstes noch ein weiteres Orgelwerk: Das „Concertstück im freien Style von Franz Liszt und Alexander Wilhelm Gottschalg“. Ein beeindruckendes Werk ganz im Stile der hochromantischen Orgelliteratur, gespielt auf unserer großen hochromantischen Orgel.

Der Höhepunkt am Nachmittag war ein Orgelkonzert, gespielt von Leo van Doeselaar, einem international bekannten Orgelsolist und zugleich Professor für Künstlerisches Orgelspiel an der Universität der Künste in Berlin. Er begann mit Johann Sebastian Bachs „Passacaglia und Fuge c-moll BWV 582“, gespielt nach den originalen Registrierungs- und Tempoanweisungen von Johann Gottlob Töpfer (1791-1870), dem Theoretiker des hochromantischen Orgelbaus, mit dem Julius Strobel zusammenarbeitete.
Danach erklang von Franz Liszt „Variationen über den Basso continuo des ersten Satzes der Cantate: Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen  …und des Crucifixus der h-moll Messe von J. S. Bach“. Liszt hatte das Werk 1859 geschrieben in tiefer Erschütterung über den Tod seiner Tochter Blandine. Der Organist vermochte es an dieser Orgel mit ihrer außerordentlichen Klangvielfalt, Liszts tiefe Trauer, Verzweiflung und Sehnsucht, Fassungslosigkeit und Wut – und doch auch immer wieder seine kleinen Hoffnungsschimmer in bewegender Weise uns nahe zu bringen.